Samstag, 19. Mai 2012

mit etwas mehr gefühl...

heute muss ich etwas ausholen. vor etwa 1 1/2 jahren veränderte sich meine stimme, bedingt durch eine schilddrüsenoperation. zuerst dachte ich, das wird schon wieder, wurde es aber nicht! beim längeren reden wurde ich häufig heiser, das sprechen strengte zunehmend an und ich konnte nicht mehr singen. nun bin ich keine zwar keine sängerin, liebe es aber vor mich hin zu trällern. ging aber nicht mehr. und schöner wurde auch die sprechstimme auch nicht mehr, sondern eher "gepresst". zum glück und rechtzeitig ging ich zur logopädin und lerne nun seit anfang des jahres meine stimme anders zu benutzen, laienhaft ausgedrückt. das gelingt auch zunehmend, wenn ich mich darauf konzentriere. 

bei der letzten sitzung wurde ich aufgefordert ein gedicht vorzutragen (vorzulesen). dies soll kein post über den segen der sprecherziehung werden, aber genau bei dieser letzten sitzung ist etwas mit mir passiert. 

ich trug das gedicht vor, und bemühte mich (streberin, die ich bin) möglichst das gelernte einfließen zu lassen - vokale zu dehen, deutlich über den mund zu sprechen, etc. - es hat sich auch in meinen ohren komisch angehört. worauf meine liebe frau h. mir vormachte, wie's auch anders geht, mit verve und gefühl nämlich. ich sollte mir bildlich vorstellen, was ich vortrage und es "theatralisch" rüberbringen.

ich merkte, wie sich alles in mir dagegen sträubte. hatte ich vorher, ohne mit der wimper zu zucken alle sprechübungen - blablaba, momomo, etc. - mitgemacht, fühlte ich hier eine innere sperre. drückte das auch aus in dem satz: das liegt mir aber überhaupt nicht, das theatralische. darauf ging sie nicht ein und ich dachte, da muss ich mich jetzt überwinden, diese innere sperre muss ich knacken. dass da eine ist, hab ich erst in dem moment gemerkt. also steckte ich meine befindlichkeiten in den sack und trug das gedicht mit ausdruck und gefühl vor... und war selbst fassungslos. die stimme hat, obwohl nicht mehr wichtig genommen, mitgemacht und war sehr klangvoll, deutlich und ausdrucksstark.


soviel vorab. dieses ereignis warf in mir die frage auf, warum ich mich innerlich so dagegen gewehrt habe. ich hatte richtiggehend einen trockenen mund, musste mich überwinden, das gedicht mit (in meiner vorstellung) übertriebenen aufgesetzten gesten und theatralischer stimme vorzutragen. seit der grundschulzeit bin ich eine geübte vorleserin, ich habe auch keine hemmungen vor fremden leuten den mund aufzumachen, allerdings nur in der von mir gewählten attitüde, die entweder sachlich distanziert oder wenn emotional laut und bestimmt ist, auf jeden fall ohne ausschmückende gesten oder pathos. 

ich machte einen weiteren versuch und ließ mich nicht mehr in der üblichen starren haltung fotografieren, sondern agierend. und musste wieder feststellen, das bin ich viel mehr! 

warum habe ich all die jahre etwas von mir unter einer decke versteckt?
 die antwort ist im laufe der woche "aufgepoppt". weil es sich nicht gehört!

tatsächlich wurde ich, wurden wahrscheinlich viele meiner generation, ohne druck aber deutlich darauf hingewiesen, was sich gehört und was nicht. in meiner familie war es verpönt, sich "aufzuführen", es gab keine rumzickerei und keine krokodilstränen, die irgendeinen erfolg gezeigt hätten. so was prägt und wie ich merken musste, bis heute. 


es stört mich, zu merken, dass diese prägung unbewußt noch immer in mir ist, dass ich mich noch immer nach einem verhaltensmuster bewege, das mir in meiner kindheit vorgegeben wurde. wohlgemerkt ich mache hier weder meinen eltern noch der gesellschaft einen vorwurf, die zeit war so und gewisse vorgaben, und das sich daran ausrichten, haben mir das leben auch erleichtert, ja tun es bis heute.was mich stört ist, dass ich nicht bemerkt habe, dass ich einen teil von mir verstecke. 

ich meine das ist der sinn der wechseljahre, in bestem sinne, dass ich über mich nachdenke, behalte und pflege, was mir wichtig ist, verwerfe und ändere was nicht mehr stimmt, mir nicht gut tut oder nicht mehr zu mir passt.  

froh darüber, dass das leben mir immer wieder aufgaben stellt, die mich mein verhalten und meine einstellung hinterfragen und überdenken lassen, fällt mir noch das "stufengedicht" von hermann hesse ein...

...nur wer bereit zum aufbruch ist und reise, 
mag lähmender gewöhnung sich entraffen.

(ein auszug - danke frau h.)

nach einem kleinen stadtspaziergang verabschiede ich mich in ein schönes sonniges wochenende! 




 








Kommentare:

  1. Schwestern im Geiste? Bei mir ist es weniger ein gesellschaftlicher Kontext als viel mehr ich selbst, der da Kontrolle ausübt(e). Ich finde es furchtbar, die Kontrolle über mich zu verlieren - oder besser gesagt, die Beherrschung. Das kommt dem Phänomen, das du beschrieben hast sehr nahe.
    Mein Aha-Erlebnis war eine ziemlich große OP. Ich brauchte eine Vollnarkose und musste die Kontrolle über mich abgeben. Ich hatte mich nicht mehr im Griff. Die Vorstellung war katastrophal, aber nicht zu ändern. Und dann? Ich hatte wunderbare Menschen um mich herum, die mir halfen und ich konnte diese Hilfe gut annehmen, weil ich gar keine Wahl hatte - und die Welt liebte mich trotzdem weiter. Eine Offenbarung! Eine wahre Befreiung von meinen selbst auferlegten Dogmen. Es ging mir nie besser als jetzt.

    Grüße! N.

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  2. ja sind wir wohl, in vielerlei hinsicht. das die kontrolle über mich verlieren hat bei mir auch immer eine große rolle gespielt. das war einesteil gut, ich habe zum beispiel nie mit drogen experimentiert, andernteils hat es mich weniger unbeschwert sein lassen, was ich heute zum glück oft bin. deinen letzten satz kann ich uneingeschränkt unterschreiben! lieben gruß von sabine

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  3. Ist es nicht wunderbar, dass du noch eine Seite an dir entdeckt hast, die du vorher gar nicht kanntest? Du hast eine gute Logopädin erwischt.
    LG Sabine

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    1. ja das ist es und die liebe frau h. ist ein wunderbarer mensch, sie sieht ihre patienten als ganzes und nicht nur als "stimmversager". ich hab nochmal 10 stunden vor mir und bin schon gespannt, was da noch auf mich zukommt. lieben gruß von sabine

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  4. Bei mir liegt das "Problem" ein bißchen anders. Auch ich habe natürlich beigebracht bekommen, was man tut und was nicht. Das ist aber gar nicht mal der Grund, dass ich mir ganz viel nicht zutraue. Ich kriege einfach rasende Panik, wenn ich vor mehr als 3 Leuten länger als 30 sek. am Stück reden/vortragen soll. Als ich "klein" war, habe ich das geliebt. Ich war Kinderlektorin in Gottesdiensten. Durch einen blöden Vorfall in meiner frühen Jugend habe ich diese Selbstverständlichkeit verloren. Ich könnte theoretisch schon die Kontrolle verlieren, mich völlig einer Sache hingeben, aber sobald das mit Vortragen/Vorlesen zu tun hat, fange ich an zu zittern, weiss nicht mehr, wie ich atmen soll, weiss nicht wohin mit meinen Händen, mir bricht der Schweiss aus und die Stimme versagt. Ich hasse die Blicke, die auf mich gucken und überhaupt... Dabei bin ich nicht übertrieben schüchtern, ehrlich nicht, das ist sowas wie "Höhenangst" oder "Platzangst". Ich bin soviel kritisiert worden in meinem Leben, da traue ich mich nicht mehr unbedingt, mich und meine Interpretationen der Öffentlichkeit auszusetzen. Ich finde heute noch diese Vorstellrunden total unangenehm, in denen jeder kurz sagt, wie er heißt, was er macht usw. Selbst auf einer Familienfeier kurz ein paar Worte sagen, löst bei mir Panik aus. Schreiben kann ich ganz gut, aber genau das gleiche vorlesen, fände ich ganz furchtbar. Ich bewundere dich, es ist toll, wenn man seine Stimme richtig einsetzen und benutzen kann. Du bist auf dem richtigen Weg. Weiter so!
    LG Eva

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    1. da du das gefühl, das dich überfällt mit höhenangst beschreibst, kann ich mir sehr gut vorstellen, wie es dir geht. dabei bin ich sicher und erlebe es in deinen posts ja auch, dass du sehr viel wertvolles zu sagen hast und es auch eloquent ausdrücken kannst. vielleicht findest du ja auch einen weg, diese blockade zu überwinden. danke für die motivierenden worte. hab noch einen schönen tag!

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  5. schön, wenn man immer wieder neues an sich entdeckt, oder?...wunderbar geschrieben und so wahr...liebste Grüsse in den Montagabend...alles Liebe...cheers and hugs...i...

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  6. ja das ist es, es macht richtig spass. hab eine schöne woche!

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  7. Einen Teil von sich verstecken - so habe ich es auch gelernt. Angepasst sein, bloß nicht auffallen, immer schön der Norm entsprechen. Es ist tatsächlich verrückt, dass sich diese Prägung so lange erhält. Obwohl ich inzwischen einige (viel zu wenige) "Ausbruchsversuche" unternommen habe, ertappe ich mich doch immer wieder mit einem "Pokerface", das bloß nicht anecken möchte, es jedem recht machen will und die eigenen Emotionen gut versteckt.
    Du hast tatsächlich eine wunderbare Logopädin, ein Glücksgriff! Und das Gedicht "Stufen" von Hermann Hesse ist großartig und wird an Aktualität nie verlieren.

    Dir auch eine schöne Woche mit vielen neuen Entdeckungen an dir,

    liebe Grüße, Christiane

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  8. ich denke auszubrechen aus gewohntem, die vorgegebenen schienen zu verlassen, muss man,wie vieles, erst lernen. zuerst ist da der gedanke, dass man nicht mehr mit dem strom schwimmen möchte, dann versucht mans, und immer wieder und jedes mal gelingt es besser. das lernen hört aber nie auf (hoffentlich). gute freunde und menschen wie frau h.helfen sehr dabei. wünsch dir auch eine schöne restwoche!

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  9. Liebe Sabine, ein wert-voller Beitrag von Dir! Ja, wie sind geprägt von den Erlebnissen und Glaubenssätzen unserer Kindheit. Nur manchmal sind diese Dinge für uns als heutige Person gar nicht mehr angemessen. Wie schön, dass Du es für Dich selber so erlebt hast, dass es "hochgepoppt" ist; da kannst Du wieder mal einen "abhaken":-).

    Ich habe in meiner Ausbildung sehr viele dieser alten beliefs erkannt und aufgelöst; danach habe ich dann mein Leben sehr stark geändert und fühle mich so viel freier... Herzliche Grüsse und ein tolles Rest-Wochenende, Andrea

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  10. vielen dank, liebe andrea, du hast es auf den nenner gebracht, es ist nicht mehr angemessen und es engt mich, genau betrachtet, ein. "abhaken" kann ich es noch nicht, aber ich arbeite an meiner körpersprache. meine logopädin hilft mir sehr dabei - so wird sich hoffentlich nicht nur meine stimme verbessern. hab noch schöne pfingsttage! lieben gruß von sabine

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